Borkwalder Spurensuche mit Waltraud und Hubert Mittelbach

andreas

Waltraud und Hubert Mittelbach

Es war ein Geschichtsabend par excellence am 20. April im VIKTUALIA’S. Als Waltraud und Hubert Mittelbach über ihr Leben erzählten, ging es um Geschichten, aber auch um Geschichte. Um die Geschichte Borkwaldes, um die DDR, um die Wende und um das Leben danach. Dieser Abend wurde zu einer Begegnung zwischen Ost und West.

Hubert Mittelbach ist Jahrgang 1942 und wurde in der Nähe von Halle und Leipzig geboren. Er machte eine Lehre als Elektriker im Betrieb seines Vaters. Als dieser aus gesundheitlichen Gründen umziehen musste, kam die Familie nach Borkwalde. Damals kamen viele wegen der gesunden Luft hierher, vor allem aus dem Raum Bitterfeld. Spuren davon sieht man noch heute an den Autokennzeichen der Wochenendler.

Seine Frau ist Borkwalderin. Sie ist hier bzw. in Borkheide geboren. Ihr Großvater hatte das Sägewerk aufgebaut, das es damals hier gab. In Borkwalde ging sie zur Schule, die in dem weißen, zweigeschossigen Haus neben der heutigen Gaststätte am Siebenbrüderweg untergebracht war. Es war eine mehrklassige Schule, d.h., es wurden jeweils mehrere Klassen gleichzeitig unterrichtet. Erst die 1. bis 4. und die 5. bis 8. Klasse, später jeweils zwei Klassen gemeinsam. Sport fand auf dem Sportplatz statt, auf den bis heute ein Straßenname verweist. Natürlich nur im Sommer. Es waren übrigens die Kinder, darunter Waltraud Mittelbach, die die Birken an der Ernst-Thälmann-Straße pflanzten, die noch heute jeden Ankömmling freundlich empfangen. Sie dienten als Abgrenzung des Fußweges von der Straße, die damals noch eine Sandstraße war.

Werkstatt 2

Werkstatt 1

Hubert Mittelbach übernahm bald Aufträge für den VEB Junkor, der aus den Junker-Werken hervorgegangen war. Als er zusagte, Federwaagen für diesen Betrieb zu reparieren, ahnte er nicht, was auf ihn zukam. Palettenweise wurden sie angeliefert. Er musste vier Frauen einstellen, wie in der DDR für einen selbständigen Handwerker üblich, selbstverständlich aus der nichtwerktätigen Bevölkerung. Das war in Borkwalde nicht so sehr schwer, denn es gab außer im Sägewerk kaum Arbeit. Einen Geflügelschlachthof, die Feuerwehrwerkstätten, eine Möbelwerkstatt. Alles in Borkheide. Ansonsten noch etwas Landwirtschaft in den Dörfern rundum. Eine seiner Angestellten war die Mutter seiner späteren Frau. Durch sie lernten sich die beiden kennen.

JUNKALOR-Waage

Nicht nur Hubert Mittelbach, sondern auch die Post, die es damals noch in Borkwalde gab, war überrascht und ein wenig überfordert, als die Mittelbachs das erste Mal mit einem Handwagen voller Pakete mit reparierten Waagen vor ihrer Tür standen. Die konkreten Modelle wechselten, aber die meisten der in Ostdeutschland sozialisierten Anwesenden konnten sich noch gut an diese Fabrikate in ihren Bäder erinnern.

Überhaupt Borkwalde früher. Damals hatte Borkwalde vielleicht 400 bis 500 Einwohner. Dazu kamen ca. 3.000 ruhesuchende Berliner vor dem Krieg und in den 60er Jahren viele Wochenendler aus den mitteldeutschen Industriegebieten. Es gab zwei Lebensmittelläden des Konsums, der mit Betonung auf die erste Silbe gesprochen wird. Und es gab einen Fleischer, eine Post und eine Schule. Und ein reges Kulturleben. Die legendäre Veranstaltung Jazz im Wald zum Beispiel. Fotos davon kann man noch heute in den Siedlerstuben betrachten. Dort gab es Tanzveranstaltungen. Man fuhr zum Karneval nach Brück oder ins Theater nach Niemegk. In der Arndtstraße gab es einen Jugendklub, viel war jedoch nicht los, was junge Menschen hätte reizen können. In den 50er Jahren gab es eine Fernsehstube. Damals waren Fernseher selten, und in der Fernsehstube durfte nicht alle Sender gesehen werden. Der Dorfklub sowie der Siedlerverein organisierte Sommerfeste. Die 50-Jahr-Feier wurde ganz groß begangen.

In den 50er Jahren kam der Truppenübungsplatz hinzu. Seitdem ist die interessanteste Richtung von Borkwalde aus versperrt. Raketenfahrzeuge und Panzer rollten durch den Brücker Weg und andere „Straßen“ Borkwaldes. Es kam immer wieder zu Waldbränden, die unter anderem durch Panzerfahrzeuge verursachte wurden. Nur zur Wendezeit waren die landschaftlich reizvollen Wege durch Mischwälder und die Saukuhle offen. Für kurze Zeit konnten die Mittelbachs wieder Radtouren nach Rädel und bis ins Quellgebiet der Emster unternehmen. In der Wendezeit engagierten sich die Mittelbachs gegen die weitere militärische Nutzung dieses Wald- und Heidegebietes. Wie wir wissen, vergeblich. Immerhin blieb Borkwalde ein Flugplatz erspart. Neben Schönefeld, wo demnächst der BBI eröffnet wird, waren auch Sperenberg und eben auch Borkheide im Gespräch. Noch im Krieg waren in Borkheide Kampfflieger stationiert. Am Rummelsborner Weg gab es ein Tanklager dafür. In einer Protestveranstaltung gegen einen möglichen Flughafen in unserer Region wurde vom Landrat Koch sogar in Erwägung gezogen, dafür auf den Truppenübungsplatz zu verzichten.

Hubert Mittelbach stand nie abseits. Ab 1973 arbeitete er in der Bau- und Wohnungskommission des Gemeinderates. Er kümmerte sich um die volkseigenen Wohnungen sowie um die Wohnungen und Häuser Privater, die im Westen Deutschlands lebten. 1984/85 wurde er selbst Mitglied des Gemeinderates. In dieser Funktion leitete er den Aufbau von „Borkwalde Mitte“, das damals natürlich noch nicht so hieß. Doch kurz vor der Wende wurde schon einmal begonnen, ein attraktives kulturelles Ortszentrum aufzubauen. Auf dem ehemaligen Schulgelände wurde ein Freizeitzentrum errichtet. Aus den Wirtschaftsräumen der ehemaligen Schule wurde in mühsamer Kleinarbeit ein Biergarten geschaffen (siehe Skizze). Dazu wurden extra Wasserleitungen verlegt, denn die alten Schultoiletten waren Trockentoiletten gewesen. Außerdem wurde eine Kegelbahn errichtet, dort, wo heute der Weg zur Gaststätte am Siebenbrüderweg entlang führt.

Lageplan 1990

Lageplan heute

Kulturzentrum 1

Kulturzentrum 2

Kulturzentrum 3

Kulturzentrum 4

Kulturzentrum 5

Kulturzentrum 6

Kulturzentrum 7

Nach der Wende wurde dieser Bereich dem Gemeinderat zu teuer. Brauchen wir nicht mehr, belastet uns, hieß es. Der Betreiber des Imbisses wurde der Besitzer der heutigen Gaststätte, die er kräftig ausbaute und während der Bauphase den alten Kulturraum (Kulturschuppen genannt) nutzte (siehe Lageplan).

Auch sonst veränderte sich das Leben in Borkwalde. Der Konsum brach weg. Der Gemeinderat überlegte, wie man den Ort erhalten könnte, wie dauerhaft finanzieren. Wohnungen für stadtmüde Städter sollten die Lösung bringen. Und es funktionierte. Christian Szerwinski hatte die den Ort heute prägende Idee, eine Holzhaussiedlung zu errichten. Als erstes Haus stand der später von Schlecker genutzte Flachbau, dann das Haus direkt daneben an der Straße. Die Mittelbachs begrüßten diese Entwicklung und sehen darin bis heute eine große Chance für Borkwalde.

Parallel bauten sie ihren heutigen Laden auf. Das alte Geschäft mit den Federwaagen war zusammengebrochen. Noch heute besitzen sie ca. 400 dieser Waagen, die so plötzlich niemand mehr wollte. Hubert Mittelbach erinnerte sich an den früheren Laden des Vaters mit Elektrogeräten. Werbematerial eines Großhändlers ließ die Idee reifen, und noch heute kann man bei den Mittelbachs in der Ernst-Thälmann-Straße Waschmaschinen und andere Elektrogeräte bestellen und kaufen. Vor dem 3. Oktober 1990 benötigte Hubert Mittelbach noch extra eine Einfuhrgenehmigung des Rat des Kreises, die dann den Beamten auf der Glienicker Brücke verblüffte.

Der Bau des Ladens ist eine Abenteuergeschichte für sich. Man brauchte wohl das Training der DDR-Mangelwirtschaft, um sich so eine neue Existenz aufzubauen. Die Wände kamen aus einem Betrieb in Medewitz, der Zäune und Bungalows herstellte. Aber sie hatten nur normale Fenster. Der hiesige Glaser hätte noch Monate gebraucht. Hubert Mittelbach trieb deshalb große Fenster in Torgau auf und brachte sie auf einem Bootshänger mit 30 km/h nach Borkwalde. Da der Glaser sie nicht einbauen wollte, es waren ja nicht seine Gläser, half ein Glaser aus Potsdam weiter. Am Tag der deutschen Einheit, am 3. Oktober 1990, war Eröffnung. Bald stellten sich jedoch auch ungebetene Gäste ein, weswegen heute Genussmittel im Laden fehlen. Die Lichtschranken, die der Elektriker Mittelbach als Alarmanlagen installierte wurden zunächst durch einen simplen Falter immer wieder ausgelöst. Auch wenn die Genussmittel fehlen, Lebensmittel des dringenden täglichen Bedarfs bekommt man. Ein Angebot, das vor allem die Wochenendler gern nutzen. Das Angebot wurde dann mit den Jahren entsprechend der Nachfrage erweitert.

Der Laden 1

Der Laden 2

Der Laden 3

Es wurde ein langer, ein spannender Abend. Auch die Gäste erzählten Geschichten von früher und lauschten denen anderer. Die aus Westdeutschland stammenden Borkwalder staunten über die Formulare und Genehmigungen, die es brauchte, um Baumaterial zu bekommen. Selbst vom Sägewerk im Ort war es damals nicht möglich, einfach mal so ein Brett oder eine Bohle zu kaufen. Auf der anderen Seite war das Gemeinschaftsgefühl stärker ausgeprägt als es heute ist. Die Leute halfen einander, auch beim Bauen und Ausbauen der Häuser.

Waltraud und Hubert Mittelbach

Der Abend hätte noch länger werden können als die fast drei Stunden, die er dauerte. Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden, gab es noch reichlich. Aber irgendwann muss man einfach aufhören.

Broschüre "Willkommen im Hohen Fläming"

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